Test: Der Leon Cupra kriegt mehr Power und Allrad. Der bessere VW Golf R Variant?

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Echt jetzt? Schon wieder ein neuer Seat Leon Cupra?

Äh, ja irgendwie schon. Nach Cupra 265, Cupra 280 und Cupra 290 kommt hier der neue Cupra 300. Die schlauen Füchse unter euch ahnen wahrscheinlich schon, wie viel Leistung der neue Cupra 300 so ausspuckt.

Was ihr hier seht, ist der funkelnagelneue Seat Leon ST Cupra 300 4Drive. Oder anders und weniger kryptisch: Kombi mit Allrad. Dass es ihn in dieser Form nur mit DSG gibt, steht nicht im Namen, aber das macht nichts. Viel entscheidender ist nämlich: Erstmals schenkt euch Seat vier angetriebene Räder im schnellsten Leon. Der ST 300 4Drive ist damit sowas wie der heimliche Held der modellgepflegten Cupra-Reihe, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass sie im Großen und Ganzen genauso aussieht wie vorher.

Was ist sonst noch neu?

Ähm … also … wie erwähnt, steigt die Leistung von 290 auf 300 PS, gleichzeitig erhöht sich das Drehmoment von 350 auf ziemlich propere 380 Newtonmeter.

Dass der normale Seat Leon kürzlich ein Facelift erhielt, habt ihr vermutlich mitbekommen. Alle diese Änderungen gibt es nun auch im Cupra-Facelift. Die Seat-Nerds unter euch erkennen leicht geänderte, etwas schärfer gemalte Schürzen. Dazu gibt es ein paar neue Assistenzsysteme und eine dezente Cockpit-Überarbeitung. Für euch heisst das: etwas feinere Materialien und ein neues Acht-Zoll-Infotainmentsystem. Das tut dem in der Vergangenheit ausgesprochen trist und etwas altbacken wirkenden Cupra-Innenraum wirklich sehr sehr gut. Oh, stimmt: Die richtige Handbremse hat man jetzt durch einen Knopf ersetzt. Ich hoffe die Vereinigung driftender Cupra-Enthusiasten kann diesen hinterhältigen Schritt verschmerzen.

Ebenfalls neu: Ein paar dezente Änderungen am Fahrwerk, die allerdings so gut versteckt wurden, dass selbst der Kenner sie nicht herausspürt (und glaubt mir in diesem speziellen Fall, denn ich durfte den „alten“ Cupra 290 ein paar Monate im Dauertest bewegen).

Krieg ich Allrad auch in einem der Hatches?

Äh … nein. Wenn ihr einen drei- oder fünftürigen Cupra mit Allrad wollt ... dann habt ihr Pech gehabt. Für den Kombi-Unterbau lag das Allrad-Layout (elektronisch mit Haldex-Kupplung und variabler Kraftverteilung) vom Leon XPerience oder anderen Leon-ST-Varianten quasi schon rum, für den Hot-Hatch-Unterbau aber offenbar nicht. Allerdings dürften die meisten Käufer, die viel Leistung, viel Grip und viel Automatik wollen, wohl auch viel Kofferraum ganz gut finden. Ob Seat nachlegt, ist im Moment nicht zu sagen. Für jetzt bedeutet das: Allrad nur in Kombination mit Rucksack und Dopelkupplung.

Na gut. Ist das schlimm?

Kommt drauf an, was ihr mit eurem Cupra so anstellen wollt. Ein bisschen anders als etwa der dreitürige Cupra-Fronttriebler mit Handschaltung fährt sich das hier nämlich schon. Wahnsinnig neutral, extrem gripig und – vermutlich nicht nur auf meiner engen, rumpeligen und teils etwas nassen Testroute – zweifelsfrei deutlich schneller. Aber eben auch seriöser, erwachsener, nicht ganz so spitz, spielerisch und aufregend.

Selbst mit den Michelin-Pilot-Sport-Cup-2-Reifen, die die Vorderachse ja förmlich in die Straße reinnageln, macht der Allrad-Cupra keine Heck-Spirenzchen, wenn man mal in der Kurve das Gas lupft. Zumindest nicht bei Geschwindigkeiten, die nicht zwangsläufig in einer mehrjährigen Haftstrafe münden (und ja, das ESP ist komplett abschaltbar).

Der Allrad-Cupra knallt einfach in die Biegung rein und du merkst ganz kurz, dass er jetzt eigentlich untersteuern sollte, aber darauf hat er partout keine Lust. Deswegen bleibst du einfach stumpf auf dem Gas stehen. Geht wunderbar. Was an Kraft nötig ist, schickt er jetzt nach hinten und schießt dich in der Folge ohne großes Tamtam aber verflucht schnell und ohne das typische Fronttriebler-Reißen in der Lenkung aus der Kurve. Sehr effizient das Ganze, sehr sehr einfach zu fahren, aber eben auch ein wenig emotionsloser und ein Stück weniger lebendig, als ich das von den kompakten Leon-Cupra-Fronttrieblern kenne. Und ja, natürlich liegt das auch an den 79 Extra-Kilos, die der Allradantrieb dem ST Cupra 300 4Drive auf den Rücken schnallt. Ist das schade? Ein bisschen vielleicht. Die Welt wird sich aber vermutlich trotzdem weiterdrehen.

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Jetzt bin ich ein wenig verwirrt ...

Das tut mir sehr leid. So verwirrend ist das Ganze nämlich gar nicht. Seat hat halt einfach noch ein bisschen mehr Schleifpapier rausgeholt, noch mehr als bisher eine Alltags-Allwetter-Allzweck-Waffe erschaffen.

Nehmen wir beispielsweise den Klang: Ihr kennt die drei- und fünftürigen Cupras mit all ihrem Gedröhne und Auspuff-Geploppe beim Lupfen oder Schalten unter Zug? Beim Kombi so gut wie weggeblasen. Das DSG? Wahnsinnig komfortabel und eigentlich superschnell. Lässt beim Kickdown aber gerne mal ein Gedenk-Momentchen verstreichen, hält die Gänge nicht und findet mehrfaches Runterschalten vor der Kurve auch nicht so prickelnd. Ich weiß, der ST Cupra 300 4Drive wird sich eher selten auf eine Rennstrecke verirren (einer der wenigen Orte, wo sowas wichtig ist), aber hiermit habe ich es zumindest erwähnt.

Er ist also etwas … ähm … kühl?

Stop, nicht falsch verstehen: Der Allrad-Cupra-ST ist ein unglaublich gutes Auto. Er ist nochmal deutlich schneller als die übrigen Cupras, brennt in ziemlich sensationellen 4,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Damit ist er eine Sekunde schneller als der frontgetriebene Cupra-Kombi. Damit ist er auch nur 0,1 Sekunden langsamer als der letzte BMW M5 Touring. Genau, ein M5. Mit 507-PS-V10. Ich weiß, es klingt absurd.

Und er gibt dir das Gefühl, dass du all seine Kraft völlig ohne Stress immer und überall einsetzen kannst. Wetter furchtbar? Straßenbelag abenteuerlich? Diesem Kombi könnte es kaum egaler sein. Ach ja, sehr komfortabel ist er natürlich auch noch. Ein adaptives Fahrwerk ist Serie und sogar im sportlichsten der vier Fahrmodi federt das Ganze noch sehr annehmbar.

Und weil auch der Leon ST Cupra 300 4Drive zweifelsfrei als Leon Kombi durchgeht, hat er den gleichen Platz und die gute Bedienung und die präzise Verarbeitung wie das Standard-Auto. Ja gut, wo ist dann das Problem, werdet ihr euch jetzt (berechtigterweise) fragen? Es gibt eigentlich keins. Ein besseres Auto für jeden Tag kann ich mir kaum vorstellen. Es ist nur einfach so, dass der neue Allrad-Kombi sein Können so geschliffen, so kinderleicht und routiniert aus dem Ärmel schüttelt, dass bei all der Geschwindigkeit (sowohl geradeaus als auch in Kurven) gefühlt ein bisschen der Kitzel fehlt, den die frontgetriebenen Schrägheck-Cupras so füllig liefern.

Okay, verstanden. Aber kauf ich jetzt den hier oder einen Golf R Variant?

Wenn ihr mit der eher unbedeutenden „Fast schon zu perfekt“-Einschränkung leben könnt, kriegt ihr mit dem Leon ST Cupra 300 4Drive einen fast schon beängstigend vollkommenen Kompakt-Kombi, der mit einem Basispreis von 39.220 Euro noch dazu über fünfeinhalbtausend Euro günstiger ist als ein Golf R Variant.

Der Golf mag (nicht spürbare) zehn PS mehr haben und insgesamt einen kleinen Ticken aufregender fahren, aber wenn ihr – aus welchem Grund auch immer – Seat nicht abgrundtief hasst oder keinen Riesen-Haufen Geld zu verschenken habt, dann ist das hier wohl der kompakte Allrad-Power-Kombi, den ihr nehmen solltet.

Autor: Stefan Wagner

Technische Daten Seat Leon ST Cupra 300 4Drive: 1984 ccm, Vierzylinder-Turbo, Frontmotor, Allradantrieb, 300 PS, 380 Newtonmeter, 6-Gang-DSG, 0-100 km/h in 4,9 Sekunden, 250 km/h Höchstgeschwindigkeit, 1535 Kilo, 7,4 Liter/100 km, 163 g/km CO2, Preis 39.220 Euro

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